Ich kann wohl sagen, dass ich Wagner aus der Tiefe meines Herzens verabscheue und ihn für alle Tiefschläge in meinem Leben verantwortlich mache. Die Nazis liebten Wagner und seine Kettensägenmusik ist vielleicht der Grund für all die Scheiße, die sie fabrizierten. Doch seit gestern Abend habe ich nun Gewissheit, warum mein Leben so ist, wie es eben ist. Ich wurde mit Wagner sozialisiert.
Hier steht es schwarz auf weiß. Wagner soll gut für Kinder sein. Schauder liefen mir beim Lesen über den Rücken, denn seit meiner Geburt wurde ich mit Wagner und seiner Musik zugebombt. Das lag zum einem daran, dass ich in Bayreuth, dem Epizentrum der Wagnerianischen Scheiße geboren wurde. Zum anderen daran, dass mir mein Vater, wie auch schon ihm sein Vater, Wagners Musik bereits in der Wiege vorspielte. Tatsächlich arbeitete ich sogar dort, im Tempel der Deutschen Demut, dem Schrein der Hochkultur, der Kloake voller Arschlöcher und mit den anderen Arschlöchern, die sich mit in diesem Dreck suhlen. Die beste Entscheidung meines Lebens war wohl die, dass ich damals meine Hospitanz als Regieassistent kündigte, da mir wohl ansonsten vor lauter Hass und Wut das Gleiche geblüht hätte wie Christoph Schlingensief. Krebs. Doch vielleicht war es auch mein Vater, der mich seit meiner Geburt durch die Musik, beabsichtigt oder unbeabsichtigt, mit Schuld und Demut prägte. Eigentlich hatte ich mich dazu entschlossen, nie wieder ein Wort mit ihm zu wechseln, doch trotzdem startete ich den Versuch, stattdessen ein Interview mit ihm zu führen:
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VICE: Hi Vater, alles ok bei euch in Bayreuth?
Vater: Ja, ich bin gerade am Arbeiten, was gibt’s? Ist es wichtig?
Nun ja, ich bin auf diesen Artikel gestoßen, der besagt, dass es das Beste sei, mit Wagner bereits im Kindesalter konfrontiert zu werden.
Müssen wir jetzt darüber sprechen?
Ja, unbedingt. Es geht darum, wer ich bin und was Wagners Musik aus mir gemacht hat.
Wird das länger dauern?
Großvater hat dir auch die Todesmusik vorgespielt, oder?
Ja, natürlich. Wie lange soll das denn noch dauern?
Hallo? Ein paar Minuten für deinen Sohn?
Ja, Gut.
Warum denn nicht etwas Schönes? Mozart, Bach oder so?
Höre ich ja auch und hast du dementsprechend als Kind ebenfalls mitbekommen. Was soll das also?
Vater, ich glaube, Wagner war der Grund, weswegen ich meine Jugend damit verbrachte Gras zu rauchen und dann auch noch von der Schule geflogen bin. Damit du es mal weißt!
Darüber sollten wir noch einmal sprechen, aber nicht jetzt. Mach’s gut Sohn!
Da ich bei meinem Vater nicht weiterkam, probierte ich bei der Wurzel allen Übels nachzuhaken, meinem Großvater:
Vice: Hallo Opa, alles gut bei dir?
Großvater: Jonas?
Nein, dein anderer Enkel.
Ah, Felix! Ja, so lala geht es mir. Man weiß halt nicht, wie lange es noch geht. Aber das verstehst du nicht, du bist noch jung. Im Alter ist eben jeder Tag wie ein Ende.
Ah, ok. Du, sag mal, wann kamst du zum ersten Mal in Kontakt mit Wagners Musik?
Da war ich zwölf Jahre alt und Statist bei Lohengrin und Parsifal.
Meinst du die Musik hat dich in deiner Entwicklung beeinflusst?
Nein, da kam gleich der Krieg. Aber du Felix, ich habe gerade Besuch und eigentlich gar keine Zeit. Ich rufe später zurück…
Danke, Opa.
Nach diesen Gesprächen kann ich zu Wagner nur noch eines sagen: Seine Musik kreiert eine Atmosphäre von übersteigertem Egozentrismus in den patriarchalischen Strukturen der Familie. Danach habe ich mir ungefähr tausendmal diese Szene angesehen, um mich von meinem Grünen Hügel des Zorns runterzupegeln.
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