Warpaint müssten viel berühmter sein

Warpaint sind die absolute Lifestyle-Musik. Ein exquisites Parfüm, das unsere Philippe-Starck-Möbel umschmiegt. Flüchtig, ein groß aufgeblasenes wunderbares Nichts. Das Quartett aus Los Angeles hat mit seinem zweiten, Anfang 2014 erschienenen, programmatisch und selbstsicher gleich nach sich selbst Warpaint betitelten Album ein bis ins Letzte zu Ende designtes Kunstobjekt entworfen. Alle Zeitgeister angezapft. Weiche, weiche Musik, die im weitesten Sinne noch als „Indie-Pop” durchgehen kann, in völliger Zersetzung begriffen, vornehmlich an Ambiente und einem sexy Grundrauschen interessiert, in dem ständig und deutlich die Signale der Hipness mitschwingen. Warpaint und Warpaint müssten alle Schick-Friseure, In-Bars, Szene-Boutiquen und Coolness-Provider als Tapete auskleiden. Warpaint bringen die leicht zu habende Hipness in die Bude. Das nehmen der Band nicht wenige Menschen übel. Zuviel Style, zu wenig Content. Das ist ein Punkt der Gruppe Warpaint.

Warpaint haben ihre erste EP gemeinsam mit John Frusciante (dem „coolen” Chili Pepper) aufgenommen, Josh Klinghoffer, der aktuelle Gitarrist der Red Hot Chili Peppers, war eine Zeit lang Mitglied der Band, ebenso wie die Schauspielerin Shannyn Sossamon, ihrerseits Schwester von Bassistin Jenny Lee Lindberg. Da können der erdverbundene Rock’n’Roll-Purist und der Mensch, der bei allem, wo „Hype” drauf steht, vorauseilend mit den Augen rollt, schon einmal die Nase rümpfen.

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Das 2010 erschienene Debütalbum The Fool ist dann doch mit genügend Wohlwollen in der Welt willkommengeheißen worden. Auf The Fool gibt es vernebelten und gut zugerauchten Dream-Pop zu hören, mit Hall eingekleideten Esoterik-Folk und neu um die Ecke gedachte Hippie-Atmosphärik, Batik, wallende Gewänder, Duftkerzen, lange Lederschnüre und Holzperlen in Musik übersetzt. Mit dem Album Warpaint haben die Musikerinnen Emily Kokal, Theresa Wayman, Jenny Lee Lindberg und Stella Mozgawa den Planeten Erde nun komplett verlassen, sind völlig entkoppelt von allem was Realität, Arbeit und Zwänge anbelangt, alles ist hier Fühlen.

Mit Staraufgebot wird hier augenscheinlich vieles, vieles gewollt, gleichzeitig an einer großen Unschärfe und Schwammigkeit gearbeitet. An den Studioreglern waren die Herren Flood (U2, Nine Inch Nails, Depeche Mode etc.) und Nigel Godrich (Radiohead usw.) tätig, größer geht’s kaum. Chris Cunningham, der Ehemann von Lindberg, hat sich um das Artwork gekümmert. So hat man es schwer im Underground.

Warpaint haben mit Warpaint versucht, das klassische Format „Rockband” aufzulösen, möglichst wenig nach „Rock” zu klingen, dabei aber eben doch noch Band in der üblichen Besetzung Bass/zwei Gitarren/Schlagzeug zu bleiben. Sie haben die Drums und den Bass stärker in den Vordergrund gemischt und betonen den Groove im Gegensatz zum „Lied”. Sie haben viel HipHop und R’n’B gehört und den slicken Vibe in ihre Platte verfrachtet. Synthesizer und Elektronik dazugeholt. Warpaint haben also all die Dinge getan, die jeder dritten Band, die nicht von komplett vorgestern ist oder gerade an einer Neudeutung von kernigem Blues-Punk im Duo-Format arbeitet, in den letzten Jahren auch schon eingefallen sind. Bei Warpaint entsteht jedoch kein aufdringliches Blitzlichtgewitter, kein Schaulaufen der Styles und Soundeinfälle: Warpaint ist vielmehr ein entrücktes Tondokument von Ennui und Luxus. Ein ungerührtes Beobachten durch einen leicht lichtdurchlässigen Mullverband. Ein von stumpf machenden Medikamenten betäubter Tag.

So stehen auf Warpaint zwar oft Rhythmus und Atmosphäre im Zentrum, ewige Zerdehnungen, ein Wabern und Blubbern, eine riskante Hypnose – es sind dabei aber eben immer doch noch Songs, die Warpaint hier schreiben, und keine post-everything liegenden Versuchsanordnungen. Daraus ergeben sich im besten Sinne mulmig machende Effekte. Eine seltsam entgrenzte Musik, die mit großem Aufwand Gesättigtsein, Faulheit, Müdigkeit, Beiläufigkeit und Abgeklärtheit suggeriert.

Die Texte dazu drehen sich passend um verschwurbelt-mystizistische Tagträumereien. Visionen, Wolken, Sterne. Sonnenaufgang. Diffuse Bilder des Schwelgens und Sehnens. Hier darf jeder Mensch seine höchsteigenen Poesialbumerinnerungen hineinlegen. „In the Middle of the Day – We found LOVE” lauten beispielsweise die zentralen Zeilen in dem freundlich schlicht betitelten Song „Hi”. Darum kann es gehen. WE FOUND LOVE. Oder auch, wie es in „Love is to Die”, dem wohlbekannten Gassenhauer des Albums, heißt: „Love is to Dance.” Was mag es bedeuten? Love is to Dance. Jeder kann das verstehen. Warpaint ist schön, teuer und leer, so wie unsere Leben.

Warpaint spielen am Donnerstag in der Wiener Arena. Support kommt von der österreichischen Band We Walk Walls.

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