Wer hat sie reingelassen?

Das hier sollte eigentlich ein relativ unvoreingenommenes Bandinterview mit der Krautrock-Guerilla-Band Camera werden, die ihre Auftritte aus reinem Idealismus fast immer spontan in den U-Bahn-Stationen und Straßen Berlins (oder uneingeladen in Clubs oder auf der Echoverleihung) spielen, bis die Bullen kommen um die Jungs daran zu erinnern, dass unangemeldete Konzerten in der Liga formal inakzeptabler Entgleisungen längst zum Selbstläufer geworden sind.

Meinen Objektivitätsanspruch kann ich jetzt aber wie’s aussieht vergessen, weil ich gerade mit der Band Hausfriedensbruch auf der After-Show-Party des deutschen Filmpreises im Friedrichstadtpalast begangen habe, wo wir uns auf Kosten der Champagner-Schickeria ebenfalls Champagner getrunken haben, bevor Camera die  Mannschaft mit ordentlich Krach aus dem Halbschlaf geholt hat. Vorher hab ich die Band aber an der U-Bahn Friedrichstraße getroffen. Die vier hatten ihr ganzes Zeug vor dem Friedrichstadtpalast auf der Straße aufgebaut und nach einer obligatorischen musikalischen Demonstration waren wir erstmal Kaffe trinken.

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Vice: Hi, ihr habt euch also irgendwann Schlagzeug, Keyboard, Mac, Bass, Verstärker und den ganzen Kram geschnappt, und euren Proberaum in die Öffentlichkeit verlegt?

Tim: Im Grunde kann man das so sagen. Da ist einfach ein bestimmter Teil im Kopf ausgeschaltet, der im Proberaum noch funktioniert. Auf der Straße ist alles viel direkter. Wir kriegen dann eh gar nichts mehr mit.

Micha: Wir sind keine Straßenmusiker – wir sind ne ganz normale Band. Aber wir gehen auf die Straße. Außerdem ist die Straße die beste Bühne. Da finden wir einfach eine ganz andere Energie, die wir im Proberaum so nicht reproduzieren können. Dabei geht es auch viel um Irritation. Wir machen das nicht, weil wir das Geld brauchen.

Wie kann man sich das organisatorisch vorstellen? Wie plant ihr eure Auftritte?

Micha: Spontan. Spontan und improvisiert. Wir rufen uns an und verabreden uns spontan.

Jan: der schnellste Aufbau war 3:45 min. Wegen den U-Bahnen. In der Nacht kommen die im 30-Minuten Takt und dann weiß man – ok, 4 Minuten Aufbau, 20 Minuten spielen und dann kannst du gleich die nächste Bahn nehmen.

Was habt ihr für ein Publikum? Wer bleibt stehen, wenn ihr auf der Straße spielt oder in der U-Bahn?

Tim: Das beste Publikum haben wir am Kottbusser Tor, Warschauer Straße – so die Ecke. Man sieht schon viele, die diesen Berlin-Mitte-Style bedienen, und die ganzen Pseudo-wir-finden-Berlin-schick-Hippies – das drücken ziemlich viele Leute aus. Deswegen mögen wir auch das Kottbusser Tor ganz gerne – da findet man ein etwas breites Publikum.

Sind die Gigs in der U-Bahn für euch am spektakulärsten?

Tim: Ja – das liegt wohl an der direkten Konfrontation. Unter anderem auch Konfrontation mit den Obrigkeiten der Bahn. Weil wir eigentlich jedes Mal irgendwann aufhören müssen, weil die Polizei kommt oder der Sicherheitsdienst und uns wegschickt. Wir haben auf jeden Fall auch schon Anzeigen am Hals und wissen nicht, was dabei rauskommt. Letztes Mal haben wir, nachdem wir weggeschickt wurden, einfach woanders weitergemacht – dann haben uns dummerweise dieselben Leute noch mal erwischt und sind dann direkt mit der Polizei angekommen.

Jan: Aber ich sehe in den Gesichtern der Bullen, dass die schon beeindruckt sind. Die sagen immer: ‘wir finden die Musik gut’. Die finden oft auch die Aktion an sich geil, aber sind in ihrem Beruf gefangen. Da hat dann jemand angerufen wegen Lärmstörung und dann müssen die uns Stress machen. Aber das ist eben ein Kampf. Musik ist Kampf, Musik ist sogar Krieg.

Wer sind eure musikalischen Vorbilder? ihr findet ja die alten Bands toll – die Krautrock-Giganten. Also Faust, Can, Neu!, Cluster und so weiter aus den 70ern und die, die daraus hervorgegangen sind – Sonic Youth und My Bloody Valentine etc. – Gibt’s nichts neues interessantes? Und warum gerade diese Musik?

Franz: Klar. Der kleinste gemeinsame Nenner – das sind auf jeden Fall die Krautrockbands der 70er.

Tim: Weil Krautrock einfach schon auf der Idee der Improvisation basiert – die Musik wendet sich damit vom klassischen Songwriting ab. Damit haben wir uns auch noch nicht viel auseinandergesetzt. Wir wollen einfach spielen und genau das ist auch die Idee des Krautrock.

Wollt ihr auch mal ne Platte raus bringen? Oder sind Plattenlabels für euch überflüssig geworden? Revolte gegen das Musikimperium?

Tim: Nach der Echo-Aftershowparty haben wir einen AMA-Typen kennengelernt.

Genau, der Echo – das war eine ziemlich gute Party für euch, oder? Erzählt mal, wie das überhaupt abgelaufen ist auf der Echoverleihung.

Micha: Wir haben den Teppich abgerissen. Haben Würste auf die Tanzfläche geschmissen. Und wir haben Barbara Schöneberger mit Süßigkeiten gefüttert.

Jan. Haha, die ist immer fetter geworden.

Tim: Ja – also erstmal haben wir sechs Stunden ungefähr davor rumgestanden. Dann haben wir jemanden getroffen, der uns seinen Media-Pass gegeben hat. Damit konnte man ins Foyer.

Jan: Aber eigentlich war das viel Warterei. Wenn du in einem bestimmten Stadium des Wartens bist, vergisst du das Ziel. Und in dem Moment kommst du in so eine innere Ruhe – und in der Ruhe, in der du das Ziel vergisst, willst du eigentlich gar nicht mehr rein. Und dann funktioniert es aber auf einmal doch.

Jan: Ich hab ein bisschen auf Manager gemacht – bin mit dem Media-Pass vorneweg gelaufen, so „die Technik muss rein“-mäßig.

Tim: Wir haben uns dann mit Cherno Jobatey unterhalten, der hat uns sein Bändchen gegeben.

Jan: Man muss dazu sagen, dass der absurd große Hände hat. Wir hätten jeden fragen können – aber der hatte doppelt so große Hände wie ich, aber genau so dünne Arme. Der hat ewig gebraucht, um das abzukriegen. Dann hab ich noch versucht, Jimmy Blue zu überreden, dass er uns auch sein Aftershow-Bändchen gibt, der wollte das aber nicht. Deshalb haben wir eben das eine Bändchen immer wieder rausgeschmuggelt- irgendwem mitgegeben – und sind einer nach dem anderen rein.

Tim: Um fünf Uhr ging auf einmal die Musik aus. Wir haben dann einfach übernommen. Da waren aber eigentlich auch noch alle da.

Ok. Und danach ist dann der Label-Typ zu euch gekommen?

Jan: Ja, den haben wir gesehen, wie der mit vollgekleckertem Hemd an einen Baum gepinkelt hat – nach acht, neun Mojito.

Tim: Wir haben erst gedacht: ’Was ist das denn für einer’? Aber als wir mit dem ins Gespräch gekommen sind, haben wir festgestellt – OK, der ist von einem großen Label.

Und der hat euch tatsächlich einen Vertrag angeboten?

Franz: Der hat’s ernst gemeint.

Tim: Wir haben uns ne Woche später mit dem im Büro getroffen. Der wollte uns aber keinen Plattenvertrag geben, der wollte von uns fertig produzierte Songs haben. Die Plattenfirmen heutzutage, die wollen kein Risiko mehr eingehen – die wollen einfach nur das fertige, kommerziell zu verwertende Produkt haben. Ohne Investitionen.

Wenn ich jetzt Fanboy bin – woher weiß ich, wo ihr spielt?

Tim: Wir haben uns bisher nie wirklich um Auftritte gekümmert – oft lief das so, das jemand zu uns gekommen ist und gesagt hat, er hätte uns irgendwo gesehen und würde uns gerne für’n Konzert buchen. Ansonsten schreiben wir auf die Facebook-Seite, wann wir wo sind.

Micha: Die Fusion dieses Jahr. Da spielen wir offiziell.

Und wo spielt ihr heute noch?

Jan: Auf der Filmpreis-Aftershow – wir crashen die Party und holen uns die Lola. Wir wollen Heike Makatsch nackt sehen.

Ok, ich glaube, dann müssen wir jetzt los.

Wir haben Heike Makatsch gefunden. Sie trug ein Biene Maja-Kleid und sah so aus der Nähe ziemlich spooky aus. Leider fällt mir grade nicht mehr ein, wer sonst noch so da gewesen ist. Trotz fehlender Eintrittskarte und mangelhafter Abendgarderobe stand ich jedenfalls tatsächlich am Ende zwischen einer  Menge grinsender Promi-Visagen auf ihrer jährlichen Inventur. Man hätte nicht den ganzen Abend durchgehalten aber für den Moment war der Schuppen schon ganz nett anzusehen. Es gab sogar Currywurst aus feinsten Porzellan-Papptellern, mindestens drei wirklich gut ausgestattete Bar und zum Abschied noch einen Regenschirm und die aktuelle Ausgabe der Gala als Klo-Lektüre mit nach Hause. Die Leute da haben übrigens in Wirklichkeit nicht alle ausgesehen, als gehörten sie zum Establishment. Vielen hat man schon angesehen, dass der Stylist einen schlechten Tag hatte – oder einfach nicht zur Verfügung stand, als die Ladys im Begriff waren, ihre Wahl für das Outfit des Abends zu treffen. Als wir mittelmäßig betrunken waren und angefingen , mit Schokoladentafeln zu werfen, hat sich die Band in der Galerie direkt zwischen den beiden Treppenaufgängen unter der riesigen Discokugel aufgebaut, und ein Top-Gratiskonzert gespielt.

Die halbkriminelle Exklusivität dieses Auftritts ist den meisten Typen wohl nicht wirklich klar gewesen aber ein paar hatten offensichlich so ihren Spaß. Die Türsteher waren da mehr auf Zack und wussten sofort, dass irgendeiner von ihnen seinen Job versaut hatte.

Als sich die Jungs nach drei Stücken genau so fix verabschieden wollten, wie sie aufgetaucht waren, kamen uns die Sicherheitsleute vom Friedrichsstadtpalast zuvor und haben uns rausgeschmissen.

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