Geld soll keine Tore mehr schießen


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Vielleicht erinnert ihr euch noch (und ich weiß, diese Erinnerung ist bei vielen von euch mit Hassgefühlen verbunden) an unseren Artikel Fußball ist der größte Scheiß. Wenn ihr den Text trotz ziehender Schmerzen in eurer Fanbrust angeklickt habt, seid ihr womöglich auf den Absatz über die riesigen Geldsummen gestoßen, die im Fußball gang und gäbe sind.

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Zumindest die UEFA scheint sich zu diesem Punkt Gedanken gemacht zu haben, denn zu Beginn der Woche traten die Financial-Fairplay-Richtlinien vollständig in Kraft. Die sollen das Geld im europäischen Fußball wieder auf ein vernünftigen Maß zurechtstutzen.

Besonders umstritten ist dabei die sogenannte „Break-Even-Regel“, laut der die Vereine zukünftig nur noch das ausgeben dürfen, was sie auch einnehmen. Irgendwie schon nachvollziehbar. Die Vorgabe richtet sich vor allem gegen die mehreren hundert Millionen, die gewisse Öl-Scheichs und russische Schwerreiche in den Verein ihrer Wahl pumpen.

Um bei der neuen Regelung einmal durchzusteigen und um herauszufinden, ob die wirklich funktionieren wird, und was sie für Konsequenzen hat, und bei welchem Club ich jetzt noch am meisten Geld mache kann, wenn ich mich doch noch für die Fußballprofi-Karriere entscheide, habe ich mal bei Fußballökonom Jörn Quitzau angerufen.



VICE: Fangen wir mit den Basics an: Wie ist das Geld im europäischen Fußball verteilt?
Jörn Quitzau: Es gibt die sogenannten „Top-5-Ligen“. Das sind die größten Märkte: England, Deutschland, Spanien, Italien und Frankreich. Insgesamt hat die englische Liga wirtschaftlich die Nase vorn.

Woran liegt das?
Das liegt einmal daran, dass in die Vereine in den vergangenen Jahren viel Geld investiert wurde. Außerdem hat die Attraktivität der Liga dazu geführt, dass die Vereine die Nummer Eins in den asiatischen Märkten geworden sind. Und schließlich liegt es an der Art, wie in England die Fernsehrechte vermarktet werden. Da wird mehr Geld generiert, weil der Pay-TV-Markt viel weiter entwickelt ist als in Deutschland.

Und wie gleichmäßig ist das Geld innerhalb der jeweiligen Ligen verteilt?
Wenn man sich zum Beispiel die Vermarktung der Fernsehrechte ansieht, ist das Verhältnis von den Vereinen mit den höchsten und den niedrigsten TV-Erlösen in der Bundesliga relativ ausgeglichen. Das liegt bei 2:1. In Spanien liegt dieses Verhältnis bei 13 oder 14:1. Das ist eine deutlich weitere Spreizung der TV-Geldschere. Generell ist die Erlösmischung in England, Italien, Frankreich und Spanien nicht so ausgewogen.

Schlägt sich diese ungleiche Geldverteilung in den sportlichen Erfolgen nieder?
Vor der letzten Saison hätte man gesagt, dass die Bundesliga hinterher hinkt. Es sah so aus, als ob die Ligen, die starke Erlösdifferenzen haben, auf europäischer Ebene deutliche Vorteile haben. Vor allem England und Spanien, wo wenige Clubs die Liga dominieren. Die großen Erfolge von Bayern München und Dortmund haben aber alle Analytiker Lügen gestraft.

Das heißt, finanzielle Stärke ist gar nicht so wichtig, um zu gewinnen?
Na ja, es gibt schon eine positive Korrelation von Geld und Erfolg. Ich gehöre aber zu denen, die glauben, dass im Fußball noch andere Faktoren eine Rolle spielen als nur die Finanzkraft. Zum Beispiel die mannschaftliche Geschlossenheit, die man eben nicht kaufen kann. Auf der anderen Seite gibt es irgendwo eine Schwelle, bei der das finanzielle Ungleichgewicht so groß wird, dass andere Faktoren keine Rolle mehr spielen. An der Stelle befinden wir uns möglicherweise gerade im europäischen Fußball.

So ein Ungleichgewicht wird ja in manchen Ligen auch durch sehr spendefreudige Investoren befeuert, klassisches Beispiel sind Roman Abramowitschs Finanzspritzen an den FC Chelsea.
Ja, und dieses Thema hat natürlich viel mit den Financial-Fairplay-Richtlinien der UEFA zu tun. Ein Bestandteil der Regeln, die sogenannte „Break-Even-Vorgabe“, ist nämlich, dass die Vereine in Zukunft nur noch mit dem Geld auskommen sollen, das sie im originären Fußballgeschäft erwirtschaftet haben. Das heißt, die UEFA versucht, den Einfluss externer Investoren zu reduzieren, beziehungsweise auf Null zu drücken.

Was ist eigentlich das Problem daran, dass reiche Leute Geld in Vereine pumpen?
Das Problem an diesen unnatürlichen Geldflüssen ist, dass so der Fußball immer abhängiger davon wird, wer wo sein Geld investiert. Dadurch wird auch die Planbarkeit für die Vereine gestört. Ein einigermaßen harmonisches Wettbewerbsumfeld, in dem jeder Club ungefähr weiß, was er im nächsten Jahr einnehmen wird, kann sehr stark gestört werden, wenn irgendwo ein Verein auftaucht und mit hohen Millionensummen um sich wirft. Dadurch könnten am Ende die Vereine oben landen, die es geschafft haben, die finanziell potentesten Sponsoren an Land zu ziehen.

Die Break-Even-Regel wird aber auch von vielen kritisiert. Was für Probleme wirft sie denn auf?
Es gibt das grundsätzliche Problem, dass Vereine versuchen werden, die Regel zu umgehen. Allerdings scheint die UEFA sehr bestrebt, mögliche Schlupflöcher zu schließen. Ich halte ein anderes Problem für größer: Es kann sein, dass die UEFA den Streit mit den großen Vereinen scheuen wird.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass nur die großen Fußballclubs in Europa von den neuen Richtlinien profitieren, weil sie eine viel größere Anhängerschaft und damit mehr Einnahmen haben.
Genau. Vereine, die hinterher hinken, könnten nicht durch eine Investitionsoffensive zu den erfolgreicheren Clubs aufschließen. Mit solchen Investoren ist es zum Beispiel Manchester City möglich gewesen, sportlich große Sprünge zu machen. Wenn man sich nur noch durch die eigene sportliche Leistung hocharbeiten kann, braucht man entweder einen extrem langen Atem oder schafft es einfach nicht. Das ist die Kehrseite der Medaille.

Was halten Sie selbst von den Richtlinien?
Ich finde den Ansatz eigentlich sehr gut. Ich glaube, dass die Investoren den Charakter des Fußballs zu stark verändern und sehe mich da eher als Old-School-Fußballfan. Deswegen finde ich es gerechtfertigt, dass Vereine wie Bayern München, die sich mit dem Fußball ihr Geld verdient haben, in Zukunft einen gewissen Wettbewerbsvorteil haben. Das kann ich eher akzeptieren als bei einem Verein, der zufällig von irgendeinem schwerreichen Investor herausgepickt wurde.

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